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Google Earth –

der neue Planet im Koordinatensystem der Moderne.

Manuela Pfrunder: Auszug aus der Masterarbeit des Studiengangs MAS Cultural/Gender Studies

 2008, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK

Google Earth ist das neue Mittel zur Selbstfindung in einer globalisierten Welt.


Google Earth ist der neue Götterolymp, der über die Existenz in der realen Welt entscheidet.


Google Earth ist die neue Kopie der Erde infolge ihrer maximierten Repräsentationskraft.
 
Google Earth ist das neue n-dimensionale Kartensystem zur Darstellung der Lebensvielfalt.
 
Google Earth ist das neue Bienenhaus für kartenproduzierende Cursorreisende.
 
Google Earth ist die neue Ordnung der Dinge, die tausend Plateaus auf einen Nenner bricht.

 

Google Earth – Der neue Planet im Koordinatensystem der Moderne.

 

 

 

 

«Wer da losging, [Google Earth] zu durchqueren, hat in Wahrheit einmal sich selbst durchmessen. Was der Fingerreisende betrachtet, auf altem Papier oder auf dem Bildschirm, sind letztlich die Landschaften seiner eigenen Fantasie, ist damit eigentlich er selbst. Aber gilt das für den echten Wanderer, der abgekämpft und schwitzend durch Wüsten, Dünenlandschaften oder Wälder stapft, nicht ganz genauso? Die Welt ist vielleicht nicht unser Wille, aber sie ist gewiss unser aller Vorstellung, und der eine wie der andere Typus des Reisenden lernt auf seinem Weg sich selbst kennen – und damit alles, was ihm vom grenzenlosen Kosmos wirklich zugänglich ist.»

 

(Kehlmann, Daniel in: du – Zeitschrift für Kultur 2005/2006, Ausgabe Nr.11/12, S. 21)

 

 

Das globale Denken hat endlich seine räumliche Heimat gefunden.

Die erklärte Mission von Google Inc. ist es, möglichst viele Informationen auf das Internet zu transportieren, um sie dort zu strukturieren und in geordneter Form der Informationsgesellschaft anzubieten, die ohne die Stütze der Suchmaschine hilflos überfordert wäre mit dieser Informationsflut […].

 

Google Inc. ordnet Informationen, die andere produziert haben. Google Inc. selbst produziert wenig bis keine Informationen. Das Unternehmen ist auf die Informationsemission durch private Anwender, Organisationen und Firmen angewiesen. Ebenso verhält es sich in Google Earth: Nur durch die Partizipation der privaten Anwender, die in Heimarbeit thematische Kartensysteme verfertigen und zum Herunterladen anbieten oder Verblüffendes auf der Google Erde markieren, wird Google Earth zu einer Repräsentation von Erde, welche immer mehr Aspekte des Lebens speichert.

 

Dabei wird die Google Erde aber auch von allerlei Werbung kolonisiert. Denn ein Unternehmen, das nicht auf die Karte kommt, existiert für den Cursorreisenden auch in der Realität nicht. Google Earth wird zu einer Überwelt, die über die Existenz und den Marktwert in der realen Welt entscheidet. Die Individuen müssen sich einer zweiten Welt gewahr werden, die ständig vor sich hin dreht, auch wenn man offline ist. Google Earth ist der moderne Götterolymp, in dem das Schicksal und die Bilanz einer Firma ausgewürfelt werden.

 

In dieser Überwelt ist das Bedürfnis nach der Einkerbung von Nationalstaatengrenzen aufgelöst. Der deregulierte Weltmarkt fordert fluide Grenzen; Grenzen, die überwunden werden können; Grenzen, die in einer Weltdarstellung nicht mehr wie in herkömmlichen Kartensystemen omnipräsent sind, sondern ein- und ausgeblendet werden können wie in Google Earth.

 

Die Google Erde: eine radikalisierte Repräsentation des modernen Weltbilds, in der das globale Denken endlich seine räumliche Heimat gefunden hat […].

 

Vor dem Cursor verbeugt sich eine ganze virtuelle Welt.

Das Ich muss sich in unserer globalisierten Welt kontextualisieren. Google Earth bietet dazu ein geeignetes Mittel. Der Benutzer steht im Zentrum von Google Earth und sucht seine Koordinaten im Koordinatensystem der Moderne. Mit jedem Mausklick liefern die Satelliten eine Antwort auf die antik-metaphysische Frage: ‹wo bin ich?› […] Er verortet sein Ich und eignet sich ein Stück Welt an. Er entdeckt etwas Verblüffendes auf den Satellitenbildern, das bisher noch niemand gesehen hat, markiert die Stelle mit einem Nadelsymbol und publiziert seine Entdeckung im Google Earth-Community Forum, von wo sie als fixfertige Reiseführerdatei heruntergeladen werden kann, die einem durch Doppelklick direkt zur Stätte des Wunders befördert.

 

[…] Der Cursorreisende wird zum modernen Kolumbus, der die Erde ein zweites Mal entdeckt, erobert und markiert. Der Benutzer wird zum Geograf in Google Earth. Und vor seinem Cursor, vor seinem personifizierten Ich – denn was da auf dem Bildschirm den Bewegungen meiner Hand gehorcht, kann ja nur ich sein – verbeugt sich eine ganze virtuelle Welt.

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